RATGEBER

Wartezeit auf die Autismus-Diagnostik: Was kannst du jetzt tun?

Von Mahmoud Ali KhanVater eines autistischen Kindes und Entwickler der Noah App
Veröffentlicht: · Aktualisiert:

Kurzantwort

Die Wartezeit auf eine spezialisierte Autismus-Diagnostik beträgt häufig mehrere Monate, regional unterschiedlich. Diese Zeit ist keine verlorene Zeit: Du kannst Alltagsbeobachtungen sammeln (sie werden Teil der Diagnostik), über die Kinderarztpraxis Frühförderung anstoßen – die keine Diagnose voraussetzt –, die Kita einbeziehen und dir selbst Unterstützung holen, etwa über Elternverbände oder die kostenlose EUTB-Beratung. Wichtig: Bei deutlichen Rückschritten in der Entwicklung nicht auf den Termin warten, sondern zeitnah die Kinderarztpraxis kontaktieren.

Das Wichtigste in Kürze

  • Frühförderung ist eine gesetzlich geregelte Leistung (§ 46 SGB IX), die bei drohender oder bestehender Behinderung offensteht – eine gesicherte Autismus-Diagnose ist keine Voraussetzung.
  • Alltagsbeobachtungen aus der Wartezeit fließen direkt in die spätere Diagnostik ein, denn diese stützt sich wesentlich auf Berichte der Bezugspersonen.
  • Die Ergänzende unabhängige Teilhabeberatung (EUTB) berät Familien kostenlos und unabhängig zu Unterstützungsleistungen.
  • Verliert ein Kind bereits erworbene Fähigkeiten (z. B. Sprache), sollte das zeitnah ärztlich abgeklärt werden – nicht erst beim Diagnostik-Termin.

Warum sind die Wartezeiten so lang?

Eine leitliniengerechte Autismus-Diagnostik ist aufwendig: Sie umfasst ausführliche Gespräche, standardisierte Testverfahren, Verhaltensbeobachtung und den Ausschluss anderer Ursachen – und sie gehört in spezialisierte Hände, etwa in Sozialpädiatrische Zentren, kinder- und jugendpsychiatrische Praxen oder Autismus-Ambulanzen. Solche spezialisierten Stellen gibt es nicht überall in ausreichender Zahl, deshalb entstehen Wartelisten von oft mehreren Monaten.

So frustrierend das ist: Die Wartezeit sagt nichts darüber aus, wie ernst dein Anliegen genommen wird. Und sie lässt sich nutzen.

Quellen zu diesem Abschnitt: AWMF, Registernummer 028-018 (Archivfassung 2016; Leitlinie derzeit in Überarbeitung) · gesund.bund.de, Bundesministerium für Gesundheit

Beobachtungen sammeln, solange der Alltag frisch ist

Alles, was du in den Monaten vor dem Termin dokumentierst, macht die Diagnostik fundierter – denn sie stützt sich wesentlich auf das, was Bezugspersonen über den Alltag berichten. Halte konkrete Situationen fest: Kontaktverhalten, Kommunikation, Routinen, Reaktionen auf Sinnesreize, Schlaf und Übergänge. Kurz, datiert, regelmäßig; auch die gelungenen Momente.

Wie das praktisch aussieht, beschreiben wir ausführlich im Ratgeber zum Dokumentieren bei Autismus-Verdacht.

Quellen zu diesem Abschnitt: AWMF, Registernummer 028-018 (Archivfassung 2016; Leitlinie derzeit in Überarbeitung)

Frühförderung: Unterstützung, die keine Diagnose voraussetzt

Der wichtigste Punkt dieses Ratgebers: Ihr müsst mit der Unterstützung nicht auf die Diagnose warten. Früherkennung und Frühförderung sind in § 46 SGB IX geregelt und richten sich an Kinder, die von Behinderung bedroht oder betroffen sind – ein begründeter Verdacht mit Entwicklungsauffälligkeiten kann also bereits der Einstieg sein.

Interdisziplinäre Frühförderstellen arbeiten mit Pädagog:innen und Therapeut:innen zusammen, oft auch zu Hause oder in der Kita; für Familien ist die Frühförderung als sogenannte Komplexleistung in der Regel kostenfrei. Der Weg dorthin führt über deine Kinderarztpraxis oder direkt über eine Frühförderstelle in deiner Nähe – dort bekommt ihr auch eine offene Erstberatung, ohne dass vorher etwas „feststehen“ muss.

Parallel kann die Kinderarztpraxis je nach Bedarf Logopädie oder Ergotherapie verordnen, wenn einzelne Entwicklungsbereiche jetzt schon Unterstützung brauchen.

Quellen zu diesem Abschnitt: Bundesministerium der Justiz, gesetze-im-internet.de

Kita und Umfeld einbeziehen

Erzieher:innen sehen dein Kind viele Stunden pro Woche in einer Gruppensituation – einer Umgebung, die du zu Hause nicht beobachten kannst. Bitte sie um ihre Eindrücke und, wenn möglich, um eine kurze schriftliche Einschätzung für den Diagnostik-Termin. Sprich auch an, welche Unterstützung die Kita jetzt schon geben kann: ruhigere Übergänge, feste Abläufe, im weiteren Verlauf gegebenenfalls einen Integrationsplatz oder eine zusätzliche Fachkraft.

Auch Großeltern und andere enge Bezugspersonen sind gute Beobachter – manchmal fällt ihnen anderes auf als dir, und auch das ist wertvolle Information.

Für dich selbst sorgen

Monatelanges Warten mit einer offenen Frage über der Familie zehrt. Du musst diese Zeit nicht allein durchstehen: Der Bundesverband autismus Deutschland e. V. und seine Regionalverbände vermitteln Beratung und Elterngruppen – der Austausch mit Eltern, die dieselbe Wartezeit kennen, entlastet oft mehr als jede Broschüre.

Dazu kommt die Ergänzende unabhängige Teilhabeberatung (EUTB): kostenlose, unabhängige Beratungsstellen in ganz Deutschland, die dich zu Unterstützungsleistungen, Anträgen und Anlaufstellen beraten – viele Berater:innen bringen eigene Behinderungserfahrung mit.

Quellen zu diesem Abschnitt: autismus Deutschland e. V. · teilhabeberatung.de, gefördert vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales

Wann du nicht einfach nur warten solltest

Es gibt Situationen, in denen du nicht auf den Diagnostik-Termin warten, sondern zeitnah deine Kinderarztpraxis kontaktieren solltest: wenn dein Kind bereits erworbene Fähigkeiten verliert – zum Beispiel Wörter, die es sicher benutzt hat, wieder aufgibt –, wenn es sich selbst verletzt oder wenn sich die Situation zu Hause so zuspitzt, dass ihr nicht mehr zurechtkommt. Solche Entwicklungen gehören sofort in ärztliche Begleitung, unabhängig von jeder Warteliste.

Und wenn sich die Wartezeit unerwartet stark verlängert: Frag beim SPZ oder der Praxis nach, ob es eine Warteliste für kurzfristig frei werdende Termine gibt, und informiere die Kinderarztpraxis – manchmal gibt es alternative Anlaufstellen in der Region.

Quellen zu diesem Abschnitt: gesund.bund.de, Bundesministerium für Gesundheit

Quellen

Diese Quellen tragen die Aussagen dieses Ratgebers. Alle Links wurden zuletzt am angegebenen Aktualisierungsdatum geprüft.

Dieser Ratgeber informiert allgemein und ersetzt keine medizinische Beratung, Diagnostik oder Therapie. Bei Fragen zur Entwicklung deines Kindes wende dich an deine Kinderarztpraxis.